Jan Stressenreuter – Wie Jakob die Zeit verlor

Egal, ob man schwul oder hetero, Mann oder Frau ist – dieses Buch sollte man auf jeden Fall gelesen haben, wenn man sich eine Eindruck darüber verschaffen möchte, was die Immunschwächekrankheit AIDS in den vergangenen Jahrzehnten angerichtet hat. Auf beeindruckende Weise geht der Autor Jan Stressenreuter äußerst sensibel und gleichzeitig unterhaltsam mit diesem schwierigen Thema umgeht, ohne dabei weinerlich zu wirken.

In den 1990er Jahren wütete ein damals noch unbekanntes Virus unter den Homosexuellen in den USA, und kurze Zeit später auch in Europae. Schnell wurde von einer “Schwulenpest” oder “Schwulenseuche” gesprochen, deren erstes prominenteste Opfer der Schauspieler Rock Hudson wurde. Etwa zur selben Zeit treffen sich Jakob und Marius im Darkroom eines Kölner Clubs und verlieben sich ineinander. In der Bundesrepubik Deutschland regiert Helmut Kohl und in der damaligen Sowjetunion führt Michail Gorbatschow mit Perestroika und Glasnost einen politischen Wandel herbei. In der schwulen Szene dagegen ist dies die Äre der schnauzbärtigen Ledermänner, von Frankie Goes to Holly wood und ungehemmter Promiskuität – bis AIDS plötzlich alles ändert.

Mehr als zwanzig Jahre danach droht Jakobs Beziehung zu seinem Freund Arne zu scheitern: Nach einem Streit, in dem Arne Jakob vorwirft, den Tod von Marius nicht verarbeitet zu haben, verlässt er die gemeinsame Wohnung und verschwindet aus Jakobs Leben. Als sich Jakob auf Spurensuche begibtm, erhält er unerwartete Hilfe von dem 23-jährigen Philip. Dieser macht ihm deutlich, dass man im neuen Jahrtausend auch anders mit einem positiven HIV-Testergebnis umgehen kann.

Der Autor Jan Stressenreuter wurde im Jahr 1961 in Kassel geboren. Nachdem er in der Nähe von Düsseldorf aufwuchs, lebt er heute mit seinem Freund in Köln.

Spektralanalyse: Homosexualität und ihre Feinde (Osteuropa Heft 10/2013)

Homosexualität ist in Russland gesellschaftlich stark tabuisiert: Nachdem Putin das Gesetz gegen Homosexualität abgesegnet hat, muss man in Russland mit empfindlich hohen Bußgeldern rechnen, wenn man sich in Russland in Gegenwart von Kindern positiv über Homosexualität äußert. Im Gegenzug wirft die russische Regierung der EU vor, “aggressive Propaganda” von Homosexualität zu betreiben. Vor diesem aktuellen Hintergrund beschäftigt sich dieses Themenheft der Zeitschrift OSTEUROPA [= OSTEUROPA, 10/2013] mit den folgenden Fragen: Woher kommt der Hass auf Schwule und Lesben? Weshalb schürt ihn in Russland der Staat? Welche Rolle spielt die Orthodoxe Kirche? Warum ist das gesellschaftliche Klima in Tschechien soviel liberaler? Wie ist die Lage von LGBT in Polen? Wie haben russische und tschechische Schriftsteller ihre homoerotischen Erfahrungen verarbeitet? Die Antworten gibt diese Ausgabe der Zeitschrift OSTEUROPA, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.

Inhalt des Heftes:
Editorial: Homophobie und autoritärer Staat
Dan Healey:Beredtes Schweigen. Zur Geschichte der Homosexualität in Russland
Ulrich Schmid: Masken des Begehrens. Homosexualität in der russischen Literatur
Igor Kon: Lackmustest. Homophobie und Demokratie in Russland
Natalija Zorkaja: Ressource des Autoritarismus. Diffuse Homophobie in Igor Kons Lesart
Nikolay Mitrokhin: Gottes Wort und Priesters Tat. Die Orthodoxe Kirche und die Homosexualität
Konstantin Michajlov: “Propaganda der Sünde”. Die ROK und die sexuellen Minderheiten
Katja Wiebe: Verordnete Verunsicherung. Homosexualität, Jugendschutz, Jugendliteratur
Evgenia Belorusets: A Room of My Own. Bilder von LGBT-Familien in der Ukraine
Zlata Bossina: Politisch wider Willen. Russisch in Berlin: queer + art = Quarteera
Franz Schindler: Blick durch die “rosa Brille”. Die Tschechen und die sexuelle Minderheit
Martin C. Putna: Von der Splendid Isolation zum Mainstream. Homosexualität in der tschechischen Literatur
Tomasz Kitliński, Pawel Leszkowicz: Bipolar. Homophobie und Toleranz in Polen 195

Reinhart Lüddecke: Das bittere Leben des keuschen Paters Hugo

In seinem Buch “Das bittere Leben des keuschen Paters Hugo” schildert Reinhart Lüddecke die Geschichte von den Leiden der Enthaltsameit und den Zweifeln am christlichen Glauben eines Missionars in Afrika.

Schon als Kind war es Hugos größter Wunsch, eines Tages als Missionar nach Afrika zu gehen. Nach der mittleren Reife tritt das adoptierte Waisenkind einem Franziskaner-Oden bei und macht dort sein Abitur. Nach dem Studium der Theologie erfüllt er sich seinen Traum und geht als Missionar in den Süd-Sudan, um die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Im Süd-Sudan Afrika droht nicht nur Gefahr durch die muslimischen Araber aus dem Norden: Auch die sexuellen Triebe machen nicht nur Pater Hugo, sondern auch seinen christlichen Mitstreitern arg zu schaffen. Während Pater Hugo die blanken Brüste einer Afrikanerin zur blutigen Selbstkasteiung treiben, sammelt Pater Sebastian erste Erfahrungen (und Gefallen) im passiven Analverkehr mit dem dunkelhäutigen Lumumba. Als dann auch – noch im Gegensatz zu christlichen Gebeten – der angebliche Voodoo-Zauber des afrikanischen Medizinmanns tatsächlich gegen Krankheiten und Verletzungen zu wirken scheint, zweifeln die Missionare endgültig an ihrem christlichen Glauben.

Der Autor Reinhart Lüddecke wurde im Jahr 1943 in Salzburg geboren und wuchs anschließend in Stockach auf. Nach dem Besuch der Höheren Handelsschule und einer Lehre als Industriekaufmann war er in Zürich in der Elektroindustrie tätig. Danach war er beruflich in England, Neuseeland und Australien tätig. Nach seiner Rückkehr nach Europa trat er für kurze Zeit einem katholischen Orden als Priesterkandidat bei. Nach zehnjährigem Aufenthalt in Hamburg lebt Reinhart Lüddecke heute auf Sylt.

John Boyne – Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Der irische Schriftsteller John Boyne wurde 1971 in Dublin geborden und feierte seinen internationalen Durchbruch mit dem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und sogar für das Kino verfilmt wurde. Nun ist sein neuer Roman “Das späte Geständnis des Tristan Sadler” erschienen.

Die Handlung spielt im September 1919 in London. Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug nach Norwich, um sich dort mit der Schwester seines gefallenen Kriegskameraden Will zu treffen. Er berichtet Ihr von den grausamen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg: Die erste Begegnung mit Will im Ausbildungslager, das Leben und Sterben im Grabenkampf, aber auch von der Freundschaft und dem Vertrauen, das sich die beiden jungen Männer schenkten. Der Leser ahnt schnell, dass die Zuneigung zwischen den beiden jungen Soldaten nicht nur Freundschaft, sondern Liebe war – und der Auslöser einer Tragödie.

John Boyne schildert in seinem Buch “Das späte Geständnis des Tristan Sadler” nicht nur schonungslos die ungeheuerlichen Schrecken des Krieges, sondern auch, wie Will versuchte, unter unmenschlichen Bedingungen einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren.

Peter Schult: Besuche in Sackgassen. Aufzeichnungen eines homosexuellen Anarchisten

„Besuche in Sackgassen“ ist die Autobiographie des deutschen Schriftstellers Peter Schult, der eine bewegte und bewegende Lebensgeschichte vorzuweisen hat. Als Jugendlicher war Schult begeisterter Hitlerjunge und Teil des letzten Aufgebots des dritten Reiches, bevor er sich den Edelweißpiraten anschloss – informellen Jugendgruppen, die in Opposition zum Naziregime standen. Nach Ende des zweiten Weltkriegs engagierte sich Schult zunächst bei den Deutschen Jungdemokraten und der Liberalen Jugend Europas, bevor er von 1955 bis 1961 bei der französischen Fremdenlegion diente. Während des Algerienkrieges desertierte er aus der Fremdenlegion, weil er von der Unrechtmäßigkeit und der Unmenschlichkeit des Krieges überzeugt war und begann immer mehr, die herrschenden Gesellschaftsformen zu hinterfragen.

1961 zog Peter Schult nach München und begann dort als Schriftsteller und Journalist zu arbeiten. Wegen homosexueller Beziehungen zu Jugendlichen verbüßte Schult zu dieser Zeit mehrere Haftstrafen. Gleichzeitig äußerte sich Peter Schult zunehmend offener und radikaler über pädophile Beziehungen und trat als bekennender Päderast in Erscheinung. Er geriet durch seine offen ausgelebte Päderastie immer mehr ins Visier der Justiz, was seine zunehmend radikaler werdende Ablehnung der etablierten Gesellschaft, der herrschenden Sexualmoral und des bürgerlichen Lebens überhaupt verstärkte. „Besuche in Sackgassen. Aufzeichnungen eines homosexuellen Anarchisten“ ist nicht nur eine faszinierende Lebensgeschichte eines außergewöhnlichen Menschen. Das Werk ist auch ein spannendes zeitgeschichtliches Dokument der jüngeren deutschen Geschichte und lädt zu vielen Auseinandersetzungen mit diversen politischen Positionen ein. Und so ist die Lektüre für den Leser auch eine Möglichkeit, seine eigenen Standpunkte zu hinterfragen und einen Einblick zu erhalten in Lebensbereiche, die oft nach wie vor mit vielen Tabus belegt sind.

Günter Lehmann – 4 1/2 Ossis suchen ihr Glück

In dem Roman “4 1/2 Ossis suchen Ihr Glück” von Günter Lehmann finden sich vier echte Ossis und ein aus Münster zugereister Wossi zufällig und suchen nach der Wende im entfernten Litauen ihr Glück im freien Unternehmertum – und scheitern allesamt nach wenigen Jahren. Glaser und Binder, wie sich der Autor und sein Lebensgefährte im Roman nennen, versuchen mit Kunstblumen den litauischen Markt zu erobern und dort Wohnungen, Büros und Ausstellungen mit dem Schein des Schönen zu dekorieren. Es sind kleine Brötchen, die da als Gewinn zurückfließen und der Traum vom Reichwerden wird schließlich zum Überlebenskampf und verblüht schneller als die Blumen, die beide anpreisen. Und das alles in einem Land voller Hass auf alles Russische, wo sich gerade erst trennt, was nie zusammen wachsen sollte, wo fehlende Staatlichkeit von der Mafia ausgefüllt wird, wo Dollar und D-Mark der Dietrich für alle Behördentüren sind.

Der Schweriner Autor Günter Lehmann bindet in seinem Roman “4 1/2 Ossis suchen Ihr Glück” den Leser gefühlsmäßig in das Wechselhafte und Zufällige dieses Unterfangens ein. Man wünscht beiden den Erfolg, leidet und freut sich mit ihnen. Wohltuend für den Leser ist das Fehlen von Hasstiraden auf STASI und DDR, kein allgemeines Verzeihen zwar, aber Verständnis für das Handeln seiner Gegner aus dem Zeitgeist heraus. Dem Autor wäre es zu vergönnen, wenn sein Roman als Hörbuch oder auch als Film eine weitere Verbreitung finden würde.

Erschienen ist das Buch “4 1/2 Ossis suchen Ihr Glück” im Spiegelberg Verlag.

Sami Hilvo – Die Schnapskarte

Die Liebe zwischen zwei Männern, die in diesem Roman des finnischen Autors Sami Hilvo beschrieben wird, ist wild und wunderschön.

Die Schnapskarte spielt zu der Zeit, in welcher der Zweite Weltkrieg Finnland erreicht. Die beiden Jungs Urho und Toivo sind zu diesem Zeitpunkt frisch verliebt und gemeinsam beim Militär. Trotz des des Infernos verbringen die beiden eine idyllische Zeit. Doch dann passiert etwas Grausames: Toivo wird im Krieg verwundet und kehrt in seine Heimat zurück. Hier heiratet er eine Frau, wird von dieser jedoch verlassen, als seine Verletzungen ihn zum Krüppel machen. Sein Ex-Freund Urho heiratet ebenfalls eine Frau, übersteht die Ehe jedoch nur unter Alkoholeinfluss. Als sein ehemaliger Liebhaber Toivo stirbt, bricht für ihn eine Welt zusammen.

Erst viele Jahre später entdeckt sein Enkel Mikael – der ebenfalls schwul ist – die Tagebücher, in denen Urho die Geschichte von Liebe, Krieg und Elend aufgeschrieben hat. Im Gegensatz zu seinem Großvater verläuft Mikaels leben jedoch recht langweilig. Mikael schmökert den ganzen Sommer in den Tagebüchern, während er gleichzeitg den Garten seiner Großeltern wieder auf Vordermann bringt. Sami Hilvo erzält ohne viel Schnickschnack eine berührende Geschichte einer Männerliebe, und so steuert sein Buch Die Schnapskarte auf ein sehr poetisches Ende zu.

“Das Glück kam immer zu mir”: Rudolf Brazda – Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich

Dieses bewegende Biografie handelt von dem jungen Rudolf Brazda, der kurz vor der nationalsozialistischen Machtergreifung sein Coming-Out als Homosexueller hat und mitsamt seine Familie sogar eine schwule Hochzeit feiert. Für kurze Zeit genießt er seine erste große Liebe, dann schlagen jedoch die Nationalsozialisten zu. Nach zwei Verhaftungen wird Rudolf Brazda im Jahr 1942 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Dort überlebt er durch viel Glück und dank seines ungebrochenen Humors und Optimismus – aber auch, weil er einem kommunistischen Kapo sexuell zu Diensten stehen muss.

Rudolf Brazda wurde als Sohn tschechischer Einwanderer in einem heute thüringischen Dorf geboren und gilt als der letzte – derzeit bekannte – Lebende, der den Rosa Winkel trug. Sein Biograf Alexander Zinn erzählt die Geschichte eines erfüllten Lebens, das trotz aller Widrigkeiten von Liebe und Lebensfreude geprägt ist. Zugleich schildert Alexander Zinn die unbarmherzige Verfolgung homosexueller Männer während des Nationalsozialismus – eine Geschichte, die bis heute viele blinde Flecken hat.

Und alles nur, weil Josef schwul war – Gray Jolliffe

Falls noch jemand auf die Schnelle ein passendes schwules Weihnachtsgeschenk sucht: Und alles nur, weil Josef schwul war. Die ganz andere Weihnachtsgeschichteist ein bitterböser Weihnachtscomic von Gray Jolliffe. Blasphemisch, aber nicht gotteslästerlich, unterhaltsam, aber nicht derb, jedoch auch nicht zu vorsichtig – geht das? Und ob das geht. Jolliffe, Autor des Erfolgscomics “Sein bester Freund”, präsentiert einen herzerfrischend respektlosen Weihnachtscomic: die überraschende Wahrheit über einen schwulen Schreiner, seine Frau Maria und das große Wunder der unbefleckten Empfängnis.

Harvey Milk – Ein Leben für die Community

Jeder kennt wahrscheinlich den Film Milk, mit Oscar-Gewinner Sean Penn in der Rolle des schwulen Politikers Harvey Milk. Nach dem ich den Film über Harvey Milk gesehen hatte, habe ich mir dieses Buch gekauft und es auf keinen Fall bereut! Das Buch beinhaltet nicht nur eine sehr detailierte Biographie des schwulen Politikers, sondern im hinteren Teil des Buches Harvey Milk – Ein Leben für die Communityfindet man Harvey Milk’s politisches Testament und seine wichtigsten Reden, wie z. B. auch die berühmteHoffnungsansprache!

Dieses Buch ist wirklich sehr zu empfehlen, besonders weil es fantastische Einblicke in eine für Homosexuelle äußerst schwierige Zeit gibt. Zudem gewährt das Buch auch eine Menge psychologischer Einblicke: So wird beispielsweise erklärt, wieso Harvey Milk von Dan White ermordert wurde. Durch seine jahrelangen Recherchen und seinen Enthusiasmus hat der Jopurnalist Randy Shilts wirklich ein sehr außergewöhnliches Werk geschaffen, welches auch gleichzeitig als Vorlage für das Drehbuch des Kinofilms “MILK” diente. Der Oskar für das beste Drehbuch ist also diesem wirklich erstaunlichen Buch zu verdanken! Besonders empfehlenswert für alle Homosexuellen Menschen auf dieser Welt, denen noch Hoffnung gegeben werden muss, um das mit Harvey Milks Worten auszudrücken! Ein motivierendes Werk nicht nur für Homosexuelle!!