Martin Büsser – Der Junge von nebenan. Graphic Novel

Im Stile einer Graphic Novel, also eines illustrierten, comicartigen Romans im Buchformat mit thematischem Anspruch und narrativer Komplexität, erzählt Martin Büsser die Geschichte eines Jugendlichen, der in den 70er Jahren aufwächst und dessen Eltern in den terroristischen Kampf gegen die BRD ziehen. Währenddessen erlebt der Erzähler sein schwules Coming-Out und probiert seine Sexualität aus. Der Junge von nebenan merkt, wie seine Eltern als auch er selbst sich verändern: Nachdem er von der Mutter zunächst allein erzogen worden ist, ändert sich die Situation, als der Vater nach Jahren der Abwesenheit wieder auftaucht. Die Eltern gehen in den bewaffneten Untergrundkampf, werden verfolgt, verhaftet und schließlich von einer Spezialeinheit in Stücke gerissen.

Gleichzeitig ändert sich auch das Leben des Jungen, der fortan bei den Großeltern lebt: aus dem ehemals schüchternen Jungen wird im Laufe der Zeit ein exzentrisches Selbstdarsteller und Protagonist der Londoner wie Berliner Punkszene Ende der 70er Jahre. Andererseits entwickelt sich daraus für den jungen Mann ein Problem: gleichzeitig Punk und schwul zu sein. Die interessantesten Männer kann der Junge von nebenan nicht kriegen, „weil die, die gerade auf Johnny Rotten stehen, nicht schwul sind. Und die, die auf Marianne Rosenberg stehen, die will ich nicht.“

Martin Büsser ist mit „Der Junge von nebenan“ eine faszinierende Erzählung gelungen, die zeitgeschichtliche und politische Aspekte mit Pop- und Musikthemen sowie Gender- und Identitätskonstruktionen auf einzigartige Weise verknüpft. Büsser, der im Jahr 2010 verstorben ist, gilt als einer der renommiertesten deutschen Autoren mit Schwerpunkt Popkultur, Musik, Gender Studies und zeitgenössische Kunst. Er war Mitbegründer und -herausgeber der seit 1995 im Mainzer Ventil Verlag erscheinenden Buchreihe testcard – Beiträge zur Popgeschichte.

Joachim Klinkenberg: Seitenwechsel – Coming-Out mit 40

Der Unternehmer Joachim Klinkenberg erzählt in seinem Buch Seitenwechsel – Coming-Out mit 40: Ein ernster, heiterer Blick auf eine späte Pubertät
im Dialog mit seiner besten Freundin, wie er sich als verheirateter Familienvater mit knapp 40 Jahren zu seiner sehr spät entdeckten Homosexualität bekennt.

Leider werden die durch den Titel von Joachim Klinkenberg geweckten Erwartungen in keinster Weise erfüllt: Das eigentliche Coming-Out ist bereits nach etwa 5 Seiten geschildert. Ausführliche Details über seine Empfindungen, Eindrücke und die innere Zerrissenheit während des “Coming out” – aber auch über die unterdrückten Gefühle und Begehrlichkeiten, die er die 40 Jahre vor seinem Seitenwechsel mit sich auskämpfen musste – gibt Joachim Klinkenberg leider nicht preis. Stattdessen fällt das Buch schnell in die gängigen Clichés über das schwule Leben, die man seit Ewigkeiten in jedem monatlichen Gay-Magazin und Schundroman nachlesen kann: Jugendwahn (Joachim Klinkenberg beschreibt sein aussehen nach dem Coming Out selbst als metrosexuell), wechselnde Partnerschaften und Sexualerlebnisse in der Zeit nach dem Seitenwechsel geschildert. Eine einzige Aufzählung von homosexuellen Kontakten ohne jeglichen Tiefgang, bei der es einzig und allein um den promiskuitiven Narziss geht. Besonders störend sind zudem die Kommentare der Freundin, die ihrem schwulen Freund Joachim Klinkenberg einfach nur nach dem Mund redet und Honig ums Maul schmiert. Eine Reflexion findet nicht einmal im Ansatz statt.

Schwule Familienväter, die sich in der selben Situation befinden und Lehren aus den Erfahrungen von Joachim Klinkenberg erhalten möchten, werden mit diesem Buch leider nicht belohnt. Der einzige Grund für ungeoutete schwule Väter und Ehemänner, dieses Buch zu lesen, wäre, dieses Buch als Ratgeber dafür zu nutzen, wie man sein Leben nach dem Coming-Out nicht gestalten sollte. Schade.

Joachim Klinkenberg, Seitenwechsel – Coming-Out mit 40, ist im August von Goethe Literaturverlag erschienen.

Schwul und dann?: Ein Coming-out-Ratgeber

Nachdem wir im letzten Blog-Eintrag einen Ratgeber für die Eltern schwuler Söhne vorgestellt habe, folgt nun ein Ratgeber für die schwulen Söhne, wie sie ihr Coming-Out sicher bewältigen können.

Der Autor Joachim Braum liefert in seinem Ratgeber Schwul und dann?: Ein Coming-out-Ratgeber nicht nur Antworten auf die grundlegenden Fragen des Coming-outs, sondern zeigt dem Leser Schritt für Schritt Wege zu einem selbstbewussten und selbstbestimmten schwulen Leben. Dabei werden einfühlsam, offen und informativ Fragen aus allen Bereichen der schwulen Identitätsfindung beantwortet, ohne dabei belehrend oder idealisierend zu sein. So finden sich in diesem hilfreichen Coming-out-Ratgeber nicht nur zahlreiche Interviews, Erlebnisberichten und praktische Tipps rund um das Thema Coming-out, sondern auch Aspekte wie Glaube und Homosexualität, HIV oder Schönheitswahn.

Erst heute habe ich wieder in den Nachrichten gehört, dass die deutsche Jugend in sexuellen Fragen schlecht aufgeklärt ist. Wenn dies schon für heterosexuelle Jugendliche gilt – wie soll es dann erst den schwulen Jugendlichen gehen? Doch dieser Ratgeber richtet sich nicht nur an junge Schwule im Coming-out, sondern auch an Spätzünder – denn viele Männer entdecken erst nachdem sie geheiratet und vielleicht sogar eine Familie mit Kindern gegründet haben, dass sie schwul sind.

Warum ich? Das Coming-out des Kommissars

Dies ist ein interessantes und sehr spannendes Buch, dass einige der besten Metaphern beinhaltet, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Bestes Besipiel: “In Organen ausgedrückt hockte sich das Gehirn breitarschig über sein Herz…”.

Der Roman Warum ich?: Das Coming-out des Kommissars“>Warum ich?: Das Coming-out des Kommissars von Andy Claus eine reizvolle und spannende Mischung aus authentischer Biografie und Romanfiktion und gleichzeitig eine Geschichte über die Probleme eines Coming Outs, der Liebe und dem Leben einer schwulen Partnerschaft. Mike Bennett ist Polizeibeamter und beschäftigt sich lange Zeit mit der Frage “Warum bin ich schwul?” Auch als er Detlef kennen lernt und dieser zu seinem Lebensmittelpunkt wird, hat Mike wegen seines Berufs viele Jahre Probleme mit einem Coming Out. Da er seine wirklichen Bedürfnisse bis zur Selbstverleugnung unterdrückt, steht er unter einem ständigen psychologischen Druck, dem er letztendlich nicht mehr gewachsen ist. Als zudem die Partnerschaft aufgrund der Verleugnung zu zerbrechen droht, nimmt Mike allen Mut zusammen, offenbart sich und steht zu seiner Liebe und zu Detlef. Der Roman beginnt 2006 nach insgesamt 22 Jahren Partnerschaft und gemeinsamen Lebens. Mike erwartet Detlef am Flughafen, der aus New York landen soll. Doch dann erhält Mike die Mitteilung, dass das Flugzeug entführt wurde. Während der nervenaufreibenden Zeit der Angst und des Wartens erleben Mike und Detlef jeder für sich in Rückblicken ihre Kindheit, ihr Leben und ihre Liebe bis zum heutigen Tag mit allen Höhen und Tiefen noch einmal. Ob sie sich wirklich wieder sehen, beschreibt dieser Roman.

Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt

“Die Mitte der Welt” ist ein Roman von Andreas Steinhöfel aus dem Jahr 1998 und wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.. Das Buch erzählt eine Geschichte über die Probleme des Erwachsenwerdens, Pubertät, Neid und Eifersucht, Freundschaft und Liebe.

Worum geht es? Phil ist siebzehn Jahre alt, hat eine Zwillingsschwester, eine beste Freundin, eine etwas verrückte Mutter mit einem Männertick und ist einen einen Jungen verliebt – Nicholas. “Die Mitter der Welt” behandelt jedoch nicht in erster Linie das Thema Homosexualität, sondern stellt die Schwierigkeiten vor, mit denen sich ein Teenager alltäglich auseinandersetzen muss: Phil wohnt mit Mutter und Schwester in einem riesigen Gutshaus. Die Bewohner des Ortes verstehen die etwas schrullige Familie nicht, und es gibt kaum Kontakt zwischen den drei Familienmitglieders sowie den Bewohnern des Ortes. Ausnahmen sind Phils Mentorin, eine Rechtsanwältin, sowie seine Freundin Kat, welche die Tochter des Schuldirektors ist und immer wieder gerne gegen die Verbote ihrer konservagtiven Eltern verstößt, um ihren Freund Phil besuchen zu können.

“Die Mitte der Welt” erklärt durch Anekdoten die Vergangenheit der Familie, den nicht vorhandenen Vater, einen Onkel als Vaterfigur und Kindheitserinnerungen der Geschwister Phil und Dianne. Episoden der Gegenwart handeln unter anderem von Phils Liebe zu Nicholas, Gespräche mit seiner Mentorin und Streitigkeiten zwischen seiner Schwester und seiner Mutter.