Joachim Klinkenberg: Seitenwechsel – Coming-Out mit 40

Der Unternehmer Joachim Klinkenberg erzählt in seinem Buch Seitenwechsel – Coming-Out mit 40: Ein ernster, heiterer Blick auf eine späte Pubertät
im Dialog mit seiner besten Freundin, wie er sich als verheirateter Familienvater mit knapp 40 Jahren zu seiner sehr spät entdeckten Homosexualität bekennt.

Leider werden die durch den Titel von Joachim Klinkenberg geweckten Erwartungen in keinster Weise erfüllt: Das eigentliche Coming-Out ist bereits nach etwa 5 Seiten geschildert. Ausführliche Details über seine Empfindungen, Eindrücke und die innere Zerrissenheit während des “Coming out” – aber auch über die unterdrückten Gefühle und Begehrlichkeiten, die er die 40 Jahre vor seinem Seitenwechsel mit sich auskämpfen musste – gibt Joachim Klinkenberg leider nicht preis. Stattdessen fällt das Buch schnell in die gängigen Clichés über das schwule Leben, die man seit Ewigkeiten in jedem monatlichen Gay-Magazin und Schundroman nachlesen kann: Jugendwahn (Joachim Klinkenberg beschreibt sein aussehen nach dem Coming Out selbst als metrosexuell), wechselnde Partnerschaften und Sexualerlebnisse in der Zeit nach dem Seitenwechsel geschildert. Eine einzige Aufzählung von homosexuellen Kontakten ohne jeglichen Tiefgang, bei der es einzig und allein um den promiskuitiven Narziss geht. Besonders störend sind zudem die Kommentare der Freundin, die ihrem schwulen Freund Joachim Klinkenberg einfach nur nach dem Mund redet und Honig ums Maul schmiert. Eine Reflexion findet nicht einmal im Ansatz statt.

Schwule Familienväter, die sich in der selben Situation befinden und Lehren aus den Erfahrungen von Joachim Klinkenberg erhalten möchten, werden mit diesem Buch leider nicht belohnt. Der einzige Grund für ungeoutete schwule Väter und Ehemänner, dieses Buch zu lesen, wäre, dieses Buch als Ratgeber dafür zu nutzen, wie man sein Leben nach dem Coming-Out nicht gestalten sollte. Schade.

Joachim Klinkenberg, Seitenwechsel – Coming-Out mit 40, ist im August von Goethe Literaturverlag erschienen.

Mein Mann liebt einen Mann

Viele vermeintliche heterosexuelle Männer verheimlichen ihr wahres Ich und fühlen sich in Wirklichkeit zu Männern hingezogen. Viele Familienväter suchen in Cruising-Areas oder auf Autobahnparkplätzen nach dem schnellen Sex mit einem anderen Mann. Manche schwule Familienväter trifft man sogar in Gay-Saunen oder in Pornokinos auf der Suche nach Männersex. Und manche dieser Männer wagen sogar eines Tages den großen Schritt, und verlassen Frau und Kinder, um endlich ihr schwules Leben ausleben zu können. In dem Buch Mein Mann liebt einen Mann. Wie Frauen das Coming-out ihres Partners bewältigen berichten Frauen, denen genau dies passiert ist, über ihre Gedanken und Gefühle.

Für viele Frauen bricht mit dem Coming-out des Partners zunächst eine Welt zusammen – was ich durchaus nachvollziehen kann: Zum einen sind sie (sexuell) betrogen worden – zum anderen hat der Mann, den sie liebten, ihnen nur etwas vorgespielt und liebt sie überhaupt nicht. Denn ihr Ehemann ist schwul. Diese Frauen sind in ihrer Weiblichkeit tief verletzt und müssen sich in einemvwahren Gefühlschaos zurecht finden. Im Gegensatz zu einer Frau, deren Mann sie mit einer anderen Frau betrogen hat, besteht bei den Frauen, deren Mann sie mit einem anderen Mann betrogen hat, kaum Hoffnung auf Rückbesinnung oder sexuellen Treue ihres Partners. Nicht nur ihre Gegenwart und Zukunft ihrer Partnerschaft sind plötzlich in Frage gestellt, besonders auch die Vergangenheit ihrer Ehe oder Beziehung erscheint nun in einem vollkommen anderen Licht. Was war echt? Was nur vorgetäuscht? Die Erkenntnis, mit einem teilweise Fremden gelebt zu haben, zieht rückblickend auch die schönen Momente in Zweifel.

Die Autorin Bettina von Kleist war selbst davon betroffen und hat mit diesem Buch voller Interviews mit anderen betroffenen Frauen ein brisantes und überfälliges Thema aufgegriffen.